Ich wünsche mir für meinen Sohn eine Kindheit, die so randvoll mit Liebe, Respekt, Wertschätzung, Vertrauen und Zutrauen ist, dass er davon ein Leben lang leben kann.

Einschlafbegleitung bedürfnisorientiere Erziehung Mama mit Kleinkind Erziehung Selbstreflektion im Mamasein

Das funktioniert mit Sicherheit nicht, wenn ich davon ausgehe, dass ich alles richtig machen muss und kann als Mutter. Im Gegenteil. Wenn ich das von mir erwarte, lande ich hysterisch starrend und auf Lametta kauend in der Klapse. Das kann nicht klappen. Niemand ist perfekt.

Ich wollte nie schimpfen und erst recht nie genervt sein. *augenroll*

Das waren so meine Wünsche und dann kam Schlafmangel dazu und ich lernte, dass das geliebteste Kind der Welt mit einer Kettensäge meine Nerven ganz geduldig bearbeiten kann. Ehrlich, ich hatte keine Ahnung von Überforderung und Genervtsein. Und Müdigkeit. Oh ja, diese grauenhafte Müdigkeit.

Ich motze also auch mal. Ich bin auch mal genervt. Macht mich aber nicht zur schlechten Mutter. Die wäre ich, wenn ich nicht in der Lage wäre mein Handeln auch mal kritisch zu reflektieren. Ich bin keine Mama aus der Social Media Welt die kluge Ratschläge geben kann (bei denen ich mich beim Lesen im besten Fall beschissen fühle) sondern eine, die zusieht jeden Tag die beste Mama für ihren Sohn zu sein. Dass ist das mindeste was er erwarten kann.

In den letzten Wochen sind mir drei Sätze von mir meinem Sohn gegenüber sauer aufgestoßen. Sie waren einfach raus, ohne dass ich groß drüber nachgedacht habe. Ich war auch nicht genervt, ganz im Gegenteil. Ich wollte es “richtig” machen.

Das wollen wir alle. Ich persönlich kenne keine Mama aus meinem Umfeld, die sich sagt “Hach, ich möchte als Mama möglichst viel verkacken! Soll sich doch dann ein Therapeut mit dem Ergebnis rumschlagen. Er ist schließlich der Profi!”

Ich bin weit davon entfernt, dass mein Sohn eine lieblose Kindheit erfährt. Mein doppelter Boden ist mein Mann, dessen Kindheit der Traum meiner war. Und ein kritischer Blick auf mein Mamasein – ohne mich selbst zu zerfleischen – schadet ja nicht wirklich.

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Hier sind sie. Meine drei Sätze für die Schublade.

“Zeig doch Opa mal wie toll du *XYZ* kannst!”

Offensichtlich habe ich vergessen, dass mein Kind kein dressiertes Pony ist, dass gelernt hat, wie es auf drei Hufen hüpfen kann UND im Zirkus zeigen muss wie toll es das kann.

Ehrlich, ich finde das so schlimm und auch wenn ich mit Sicherheit nicht mit Rute im Büßerhemd zu Hause sitze und mir den Rücken blutig schlage, für den Spruch hätte ich mir rückwirkend gerne ein Maulkorb verpasst.

Ja, ich bin unfassbar stolz auf meinen Lieblingsmenschen und jede zweite Sprachnachricht an meinen Mann fängt an mit “oh, weisst du was unser Schatz tolles gemacht hat?”

Das Ding ist: er wäre auch das wunderbarste Wesen OHNE, dass er jeden Tag eine neue “Zirkusnummer” kann. Er ist toll so wie er ist und muss das mit 19 Monaten niemanden beweisen. Ich übrigens auch niemanden.

Alternativen? Gibts nicht. Mein Kind ist kein Zirkuspferd, dass sich hinstellen und zeigen muss wie toll es tanzen kann.

“Du musst keine ANgst haben! das wird jetzt gaaar nicht schlimm. WIRKLICH!!!”

Wir gingen zu meiner Grippeschutzimpfung und irgendwie hielt ich es für eine gute Idee auf meinen Sohn möglichst beruhigend einzureden, dass jetzt nichts schlimmes passiert. Dass alles gut ist und er sich keine Sorgen machen muss. Die Folge:

Die Stirnfalten meines Sohnes wurden immer tiefer je mehr wir uns der Praxis näherten und oben angekommen, krallte er sich an mir fest, Hand in meinen Ausschnitt und machte nicht wirklich den Anschein, dass er von meinen beruhigenden Worten auch nur im Ansatz beruhigt ist.

Wenn er sprechen könnte, hätte er vermutlich gesagt: “Ähm, Mama, also bis eben war alles gut. Bis du anfingst hier Panik zu verbreiten. Ich bin jetzt panisch und außerdem felsenfest davon überzeugt, dass gleich irgendwas schlimmes passiert. Ich bleib jetzt hier auf dir drauf und wir gehen, ok?”

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Der Hintergrund war, dass wir bisher sehr selten mit unserem Sohn zum Arzt mussten und wenn dann gab es den Picks für eine Impfung. Hat zur Folge, dass er semi-begeistert ist, wenn er seinen Arzt sieht und ich Fuchs dachte mir, ich beruhige ihn, bevor er merkt, dass wir bei einem Arzt sind. Schlau, ganz schlau. Damit habe ich ihn erst so richtig aufgescheut. Drinnen gab es zum Glück eine Mal-Ecke und Mamas Horror–Malereien waren ziemlich schnell verblasst.

Kurz danach kamen wir an einem Friseurladen vorbei und ich quietschte begeistert los. “Wie cool, lass da rein gehen und du bekommst deinen ersten richtigen Haarschnitt!” Herzchen Herzchen Herzchen.

Mein Sohn war begeistert ohne so recht zu wissen wovon aber er ließ sich mitreißen. 20 Minuten später spazierten wir mit einem neuen Haarschnitt und einem sehr zufriedenen Kleinkind raus.

Wenn meine Laune schlecht ist, bin ich mit Sicherheit nicht immer dafür verantwortlich, wenn ich ein 19 Monate altes Grumpy Kleinkind zu Hause habe. Und nur weil ich gute Laune habe, ist das keine Garantie, dass mein Sonnenschein fröhlich durch die Gegend läuft.

In meinem Wochenbett durfte ich mir anhören, dass es immer immer immer an der Mutter liegt, wenn mein Kind nicht gut drauf ist.

Das macht es hübsch einfach für die Umwelt und entspricht dem derzeitigen Zeitgeist den Druck, der eh schon auf der Mutter lastet noch weiter aufzubauen. Es ist schlicht zu simpel und einfach gedacht die alleinige Verantwortung der Mutter überzuhelfen. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Mainstream-Geseiere das Kind völlig vergisst. Denn egal wie klein und schutzlos mein Sohn war, er ist eine eigene Persönlichkeit seit Geburt an. Und mal ehrlich: ich würde auch motzen, wenn ich kaum schlafen kann vor Bauchschmerzen oder weil Zähne kommen oder die Eindrücke zu viel sind oder oder oder. Schuld hat immer die Mutter? Oh, bitte.

Allerdings…je positiver meine Haltung desto mehr spürt sie mein Sohn. Wenn ich mir schon ausmale, wie schlimm der Besuch für meinen Drolling werden wird, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass es genauso werden wird. Selbsterfüllende Prophezeiung. Wirkt zum Glück in beide Richtungen.

Alternative: Gibts nicht. Ich erzähle meinem Sohn wie immer was wir machen und wenn ER sich ängstigt von sich aus, bin ich für ihn da.

“Aber ncht wieder *XYZ machen*, wenn ich dir das jetzt gebe.”

Unterstellungen sind eine ganz und gar hervorragende Methode meinem Kind zu vermitteln, dass ich kein Vertrauen habe. Ich weiß wovon ich spreche, denn mit dieser “Methode” bin ich groß geworden. Kann nichts, taugt nichts und macht sowieso alles falsch. Joa, ich hätte es besser wissen können aber raus kam der Satz, wenn auch in weit abgeschwächter Form, trotzdem.

Muster gehen tief und nur weil ich sie kenne, heißt das nicht automatisch, dass ich vor Ihnen sicher bin. Nicht umsonst gehen den Leuten heute noch Sprüche wie “Lass ihn mal schreien, stärkt die Lunge” und ähnlicher Rotz über die Lippen. Diese Erziehungsmethoden sind Restkotze aus der NS-Zeit und immer noch in der Gesellschaft verankert.

Der große Unterschied ist, dass ich meinem Kind vertraue obwohl ich weiß, dass er sofort XYZ macht. Er ist 19 Monate und mit 19 Monaten stecken wir drin in der Autonomiephase und im Weltentdecken. Er ist nicht böse, manipulierend oder will mich ärgern. Mit 19 Monaten macht es für ihn keinen Sinn warum er den Ball nicht gegen das Fenster werfen soll, wenn er doch draußen mit Mama und Papa stundenlang Ball spielt. Und außerdem spuckt Mama nach dem Zähneputzen auch ins Waschbecken, warum darf er das dann nicht auch auf den Teppich? Oder in die Schuhe?

Wenn ich meinem Kind per se schon unterstelle, dass er etwas anstellt, weil er es bisher fast immer gemacht hat, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn er genau das macht. Wenn ich ihm ständig sage “pass auf, fall nicht hin, gucke bitte wohin du läufst” und so weiter, fördere ich genau das. Er wird hinfallen. Weil ich es erwarte und Kinder uns am Ende doch einfach auch gefallen möchten.

Heißt natürlich nicht, dass ich gelassen zugucke und das beste hoffe, wenn mein Wildling auf die Strasse rennen möchte. Mit Sicherheit schwillt da meine Oktavenanzahl gewaltig an. Better safe than sorry.

Alternative? Gibts nicht. Entweder ich gebe ihm sein geliebtes Spielzeug und es ist ok für mich, dass die Küche oder der Rest der Wohnung unter Wasser steht -oder was auch immer für eine Sauerei passiert. Oder ich sage “nein, möchte ich jetzt nicht, lass etwas anderes zusammen machen”.

Sind wir realistisch: Da werden mit Sicherheit noch mehr Sätze im Laufe der Zeit dazukommen, die meinem Kind gegenüber eher mittelmässig toll sind. Wenn ich jetzt anfange jeden Satz bevor ich ihn ausspreche zu durchdenken und zu überprüfen ob er ausreichend wertschätzend gegenüber meinem Kind ist, fange ich irgendwann an zu schreien vor Stress. Zumal ich mir durchaus selbst vertrauen kann, dass nicht alles Murks ist, was aus meinem Mund kommt. Erst recht kann ich mich nicht dauerhaft im Blick haben.

Ich KANN keine Mama sein, die nie Fehler macht. Dafür bin ich einfach zu sehr Mensch und ich empfand den Druck der auf mich in den ersten Monaten einprasselte ziemlich schlimm.

Nicht den Anspruch zu haben die tollste Mutter auf der Welt zu sein, gibt mir ziemlich viel Freiheit mein Verhalten gegenüber meinem Kind auch mal kritisch zu überprüfen.

Hi! Ich bin Anita, 38 Jahre und blogge über Alltagsgeschichten aus meinem Mamaleben und meiner Schwangerschaft. Ich mag Nachhaltigkeit, weniger Plastik, ich liebe die Ostsee und finde Zigarettenkippen auf Spielplätzen blöd. Wenn ich pupse, dann kein Einhornglitzer und offene Worte und Humor finde ich zum Dahinschmelzen.

Wenn es meine Zeit und meine Priorität Nummer 1, mein Einjähriger kleiner Junge zulässt, kommt einmal pro Woche ein neuer Blogbeitrag auf meiner Seite https://nitaspleasures.de.

Auf Instagram findest du mich und meinen Alltag unter nitas_pleasures und bei Facebook auch. Ich freu mich, wenn du uns begleitest.

1 Comment

  1. Danke! Vielen lieben Dank! Du hast mich wieder wunderbar zum Nachdenken angeregt, denn vor allem der letzte Satz fällt ihr oft als Bestechung, wenn das Hausaufgabendrama mal wieder voll zugeschlagen hat.

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