Ich war kurz vorm Platzen. Wir saßen beim Abendbrot und es war so gar nicht wie in der Werbung. Oder auf Instagram. Mein Sohn schmiss das Essen gnadenlos runter nachdem er es ausgiebig getestet hatte und ich war einfach nur noch müde. Und genervt. Von dem Tag, meinem Kind und einfach allem. Meine Freundin mustert mich und bemerkt trocken grinsend “Sag mal, hast du eigentlich auch gedacht, du wirst DIE Mutter, die nie genervt und immer gelassen bkeibt? Also. Die einzige Mutter, bei der das so ist?”

Meine nach unten hängenden Wangen richten sich ein wenig und ich vergesse meinen Plan, meinem Sohn wütend den Teller wegzureißen und ihn sauer aus seinem Stuhl zu heben. Dann halt kein Essen! Echt mal!

Ebenso wie ich die EINE Mutter sein würde, bei der die Bude immer ordentlich ist, stehe ich gütig und sanft lächelnd da, während mein kleiner Hosenscheisser am Ende eines langen Tages dafür aber einer kurzen Nacht, seine ausgelutschten Apfelstücke in die Couchritze stopft. Dabei zwitscher ich irgendwas von “er muss halt alles ENTDECKEN!”.

Ich kann bei dieser Vorstellung nicht aufhören hysterisch zu lachen. Genau. Ich werde die einzige Mutter sein, die zum Übermensch mutiert und in sich eine nie versiegende Quelle an Gelassenheit und Kraft hat.

Die Mutter, die ich nicht bin, will in mein Leben

Die Wahrheit ist: die Quelle ist gerade kurz davor auszutrocknen und ich habe echte Angst genau die Mutter zu werden die mein Kind nicht braucht und die ich nicht sein will. Motzend wegen Nichtigkeiten, dauererschöpft, gereizt und ständig die Wände hochgehend. Diese Mamaseite mag ich am wenigsten an mir. Und mir wäre es lieber gewesen, ich hätte sie nicht kennengelernt.

Nun. Jetzt ist sie da und ich habe vor, es ihr so ungemütlich wie möglich zu machen, damit sie wieder abhaut und ICH wieder da bin. Die Mama, die auch genervt ist, weil sie eben auch nur ein Mensch ist, aber nicht anfängt rumzublaffen weil die Zahnbürste runterfällt.

Hier war ich immerhin so schlau die Gunst der Stunde zu nutzen und in Ruhe meinen Kaffee zu trinken. Die Situationen die mich nerven, filme ich nicht. Bin ja mit genervt sein beschäftigt.

Denn das ist das schlimme für mich, wenn ich so drüber bin wie jetzt: ich werde ungeduldiger unserem Sohn gegenüber. Dinge, die mich normalerweise nicht groß stören, wie besagter fliegender Teller, werden für mich zum absoluten Stresspunkt. Er braucht laaaaange um die Treppe hochzulaufen? Ich muss ab der zweiten Stufe die Zähne zusammenbeißen. Das Kuscheltier landet in der Wasserschale? Mama flucht. Und das schlimmste: Ich fange an es persönlich zu nehmen, wenn mein Trotzköpfchen mir tief in die Augen blickt und dabei die Melone zerquetscht.

Ich weiß, dass mein Kind weder ein Arschloch ist, noch ein manipulierender Tyrann und sein tägliches Tagesziel ist auch nicht, mich an den Rand meiner Nervenstärke zu bringen. (Mal unter uns und wirklich ganz objektiv: er ist das witzigste, schönste, emphatischste, schlauste, raffinierteste, liebenswerteste, selbstbewussteste, frechste Wesen auf der gaaaanzen Welt!)

Das weiß ich alles und trotzdem kommen in diesen Momenten ganz ekelige Stimmen in mir hoch “Du hast ihn verzogen, hab ich doch gewusst!” oder “Der wirds aber mal schwer haben, wenn er sich so gar nicht anpassen kann!” und mein Lieblingshit “Du stillst ihn immer noch, stimmts” . Darauf folgt dann vielsagendes Schweigen, dass frei übersetzt steht für “Tja. Komplett verzogen das Kind.”

Das ist die Stimme der Gesellschaft, also dem Teil der Gesellschaft, der Erziehungsmässig noch in Nachkriegsdeutschland lebt und glaubt, dass nur ein gebrochenes Kind ein gutes Kind ist.

Es ging ganz schnell….weg war er mein Egoismus

Ich habe meinen Egoismus verloren und habe nicht mehr auf mich aufgepasst. Eine der wichtigsten Tugenden für Mamas, das beste Werkzeug um gut genug zu sein. Es fing langsam an. Erst einmal meine zwei Stunden am Sonntag ausfallen lassen, dann den Mittagsschlaf für Telefonate rund ums Hausbau genutzt, statt wenig bis nichts zu machen. Dann doch noch gekocht, statt etwas zu bestellen oder einfach mal TK-Ware zu nehmen. Aber nee, muss ja IMMER frisch sein, sonst lande ich in der Hölle und muss Rosenkohl essen (ich hasse Rosenkohl). Dann doch noch die Wäsche zusammengelegt. Ganz schnell die Toilette geputzt und weil es ja kein Aufwand ist, noch nebenbei die Spülmaschine ausgeräumt.

Geht ja alles ganz schnell. Kein Ding. Die paar Minuten. Dann hab ich es aber geschafft!

Was für ein Quatsch! Als ob der Haushalt mit Kind jemals fertig ist. Grob geschätzt habe ich im Laufe der Woche ca. 3 Stunden damit verbracht Dinge zu machen die “ganz schnell gehen” oder “ach, das bisschen.” weil “na, dann ist es erledigt”. Wie lange geht eine Folge Outlander? Ich hätte fast drei Folgen gucken können. Tolltolltoll. Aber dafür habe ich irgendwas erledigt. Wer gibt mir mein Bienchen in mein Fleißheft?

Das ist übrigens kein Tipp den Haushalt mal sein zu lassen. Um ehrlich zu sein, bekomme ich die Krise wenn ich auf Instagram oder sonst wo lese, dass “man den Haushalt auch mal liegen lassen kann.” Wir wohnen in unserer Wohnung! Und nein, ich kann und mag es nicht ständig ignorieren, wenn die Kalkflecken im Bad den Staub festhalten! Ich mag es gerne ordentlich und so sauber wie es mit Kleinkind halt geht. Ich erwarte keinen geleckten Boden und mir ist es völlig egal ob ich festgetrockente Speisereste nach einem oder nach drei Tage wegkratze. Aber das Bad hätte ich dann doch gerne öfters sauber als einmal in drei Wochen.

Ich wurde schussliger, mir fiel schneller etwas aus der Hand und dann war es eigentlich schon zu spät. Ich war zu müde um mich aufzuraffen etwas nur für mich zu machen. Egal wie gut unser Kleiner schlief, ich hätte könnte morgens heulen vor Müdigkeit.

Wie will ich gut genug für mein Kind sein wenn ich mir selbst nicht gut genug bin ? Wenn ich selbst nicht auf mich achte?

Wir haben kein Plan aber sind motiviert

Mein Mann und ich taten das, was Paare die Eltern geworden sind, dann so tun um die Karre aus dem Dreck zu ziehen: Wir verfielen motiviert in Aktionismus. Da die Situation so ist wie sie ist und ich 24/5 mit unserem Sohn alleine den Laden rocken muss, bleibt nicht viel Spielraum. Hier mal eine Stunde mehr Schlaf für mich. Da mal ein Stündchen. Der Effekt war wie bei einer Diät bei der man sich einen Tag zusammenreißt und den Rest der Woche die verpassten Kalorien wieder reinschaufelt. Also null. Und natürlich waren wir total überrascht, dass es mir null besser geht.

Mein beste Freundin stellte mir dann die Frage aller Fragen: “Was brauchst du damit es dir besser geht. Und zwar langfristig. Abgesehen vom Schlaf, den brauchen wir auch ohne Kind.” Meine Antwort war bezeichnend: “Also, ich brauch feste Zeiten und Maus, wenn du kippeln willst, halte ich den Stuhl halt fest und ich will einfach mal einen Gedanken wieder zu Ende nein, das Messer nimmst du bitte nicht – wo war ich?”

was brauch ich eigentlich?

Und an genau dem Punkt steh ich jetzt: ich muss erstmal genau definieren können, was ich brauche. Und dazu muss ich zu Ende denken können. Klingt merkwürdig aber durch dauerhafte Unterbrechungen des süßesten Wesens auf der Welt scheint mein Hirn nach maximal 2 Sekunden Denken am Stück davon auszugehen, dass er eh bald wieder unterbrochen wird und stellt seine Leistung ein.

Ich bin auf Unterstützung angewiesen: durch meinen Mann, mental und zeitlich, meine Familie (die weit weg ist) und meine Freunde um mich vorm Durchdrehen zu bewahren.

Bisher weiß ich, dass ich aus meinem “ich schaff das schon” Modus raus muss. Ich schaffs halt nicht. Bisher habe ich eine Ahnung was mir helfen wird und “gesunder Egoismus” und “Delegation” wird dabei sein.

Und was ganz sicher nicht dabei sein wird, weiß ich auch. Verrat ich bald. Aber erstmal guck ich Outlander.

Alles Liebe

Eure Nita

Hi! Ich bin Anita, 38 Jahre und blogge über Alltagsgeschichten aus meinem Mamaleben und meiner Schwangerschaft. Ich mag Nachhaltigkeit, weniger Plastik, ich liebe die Ostsee und finde Zigarettenkippen auf Spielplätzen blöd. Wenn ich pupse, dann kein Einhornglitzer und offene Worte und Humor finde ich zum Dahinschmelzen.

Wenn es meine Zeit und meine Priorität Nummer 1, mein Einjähriger kleiner Junge zulässt, kommt einmal pro Woche ein neuer Blogbeitrag auf meiner Seite https://nitaspleasures.de.

Auf Instagram findest du mich und meinen Alltag unter nitas_pleasures und bei Facebook auch. Ich freu mich, wenn du uns begleitest.

2 Comments

  1. Michaela Huber Reply

    Ich kann dich total gut verstehen. Dieses Hamsterrad, die rosarote Brille usw.

    Kleiner Tipp: Lass den Dreck Dreck sein, ignoriere Instagram usw und geh die Sache langsam an.

    Ich habe 4 Kinder (8,4 und 2x 1,5) und bin ganz oft mit Ihnen allen ohne Hilfe für mehrere Tage allein. Es ist machbar, aber es ist die Hölle auf Erden und ich bin leider nicht die Mama, die sich nur für ihre Kinder aufopfert und das gesamte Leben um sie herum plant.

    Keep on keeping on. You can do it!

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